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Die Leere im Hotelzimmer


Der Videograf Oliver Lange sitzt mit seinem Macbook auf dem Bett in einem Hotelzimmer und arbeitet.

Gedanken eines selnbstständigen Videoproduzenten über Dienstreisen, Familie und das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Zuhause.


Ankommen im Hotel ist immer so ein seltsamer Moment. Vorher ist alles voller Fokus. Der Auftrag steht fest, der Ablauf ist klar. Equipment wird vorbereitet, Akkus geladen, Speicherkarten formatiert. Checklisten im Kopf, Taschen im Kofferraum, dann ins Auto. Strecke machen. Kilometer sammeln. Ankommen.


Man freut sich auf den Termin, auf die Arbeit, auf das Projekt.Auf neue Menschen, neue Räume, neue Geschichten. Auf das, wofür man losfährt. Und dann fällt hinter mir die Tür vom Hotelzimmer ins Schloss.


Großes Bett. Fernseher an der Wand. Ein Bad, das ich nicht teilen muss. Stille.


Und plötzlich ist da Leere. Nicht sofort, nicht laut. Eher, als würde man aus einer Blase heraustreten, die einen den ganzen Tag getragen hat. Diese Blase aus Konzentration, Planung, Vorfreude und Bewegung.



Ich möchte das nicht missverstanden wissen: Ich liebe meinen Job. Wirklich.


Ich liebe es, unterwegs zu sein. Neue Orte zu sehen. Städte, Industriehallen, Büros, Werkstätten, Veranstaltungsräume. Ich liebe es, neue Menschen kennenzulernen, neue Branchen zu verstehen, neue Perspektiven einzunehmen.


Ich liebe es, deutschlandweit zu arbeiten. Nicht immer am gleichen Ort zu sein. Nicht jeden Tag im gleichen Büro zu sitzen. Projekte umzusetzen, die mir ermöglichen, selbstständig zu sein. Frei zu arbeiten. Verantwortung zu tragen, für mich, für meine Arbeit, für meine Entscheidungen.


All das fühlt sich richtig an. Und trotzdem gibt es diesen Moment. Diesen Moment, wenn der Tag endet und das Hotelzimmer zur Kulisse wird.Wenn der Dreh vorbei ist, die Kamera im Case liegt und der Lärm des Tages verstummt. Dann wird mir jedes Mal bewusst, was gerade fehlt.



Zu Hause ist meine Frau, die den Abend alleine stemmt. Das Abendessen. Das Zubettgehen. Die kleinen Routinen, die sonst selbstverständlich geteilt werden.


Zu Hause ist mein Kind, das fragt, wo Papa ist. Das vielleicht schon gelernt hat, dass Papa manchmal weg ist, aber trotzdem nicht versteht, warum.


Diese Gedanken kommen nicht, um Schuld zu erzeugen. Sie kommen, um mich zu erden.

Denn diese Reisen ziehen mich nicht weg. Sie holen mich zurück. Sie erinnern mich daran, warum ich das alles mache.



Die Einnahmen aus genau diesen Aufträgen kaufen mir Freiheit. Freiheit, die man nicht sofort sieht, wenn man nur das Hotelzimmer betrachtet.


Sie kaufen mir Nachmittage, an denen ich früher aus der Kita abhole. Tage, an denen Familie Vorrang hat. Zeitfenster, die ich mir bewusst freischaufeln kann, weil ich nicht jeden Tag im Büro sitzen muss.


Sie kaufen mir die Möglichkeit, Nein zu sagen. Zu Aufträgen, die nicht passen. Zu Terminen, die keinen Raum für Leben lassen. Zeit ist unbezahlbar und doch ist sie oft genau das, was man sich mit Arbeit erkauft. Nicht als Luxus, sondern als Gestaltungsspielraum.



Großen Respekt an alle, die fast jede Woche im Hotel leben. Menschen im Vertrieb. Im Kundenservice.Auf dauerhaften Geschäftsreisen. In Berufen, in denen Unterwegssein kein Projekt ist, sondern Alltag.


Ich merke für mich: Zwei bis drei Nächte sind okay. Vielleicht auch mal eine Woche, wenn es das Projekt verlangt. Aber dann braucht es wieder bewusst Nähe. Bewusstes Zuhause-Sein. Nicht nebenbei, nicht zwischen zwei Mails, sondern wirklich da.


Dieses Gleichgewicht ist nichts, was man einmal findet und dann behält. Es ist etwas, das man immer wieder neu austarieren muss.

Je nach Lebensphase. Je nach Projektlage. Je nach dem, was zu Hause gerade gebraucht wird und was man selbst braucht.


Manchmal kippt es ein bisschen.Manchmal stimmt es erstaunlich gut.


Wichtig ist für mich nur, es nicht zu ignorieren. Nicht so zu tun, als wäre alles immer nur effizient, produktiv und planbar.

Denn hinter jeder Dienstreise steht auch ein Mensch. Mit Beziehungen. Mit Verantwortung. Mit einem Leben, das nicht pausiert, nur weil man unterwegs ist.



Vielleicht ist genau dieses Spannungsfeld der Preis für Freiheit.

Und gleichzeitig ihr größter Wert.


Denn solange sich das Hotelzimmer manchmal leer anfühlt, weiß ich: Da ist etwas, das auf mich wartet. Und etwas, zu dem ich gerne zurückkehre.


Und genau das macht es für mich richtig.

 
 
 

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