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Wenn Perfektionismus mehr Zeit frisst als Qualität bringt

Über Schnittentscheidungen, Zweifel und den Moment, in dem „gut genug“ wirklich gut ist



Perfektionismus beginnt selten am Anfang eines Projekts. Er schleicht sich ein, wenn eigentlich schon alles da ist.


Gerade bei Event- und Veranstaltungsproduktionen gibt es oft kein starres Drehbuch. Es gibt ein Konzept, eine grobe Vorstellung davon, was am Ende entstehen soll, aber keine Shotlist, die Sekunde für Sekunde vorgibt, welches Bild wann gezeigt wird. Der Kunde lässt mir bewusst Freiraum. Ich sammle über den Tag hinweg Eindrücke, Highlights, Stimmungen. Viel B-Roll, viel Bewegung, viele Momente, die sich nicht wiederholen lassen.


Interviews sind zwar durch Fragen gelenkt, aber auch dort sind die Antworten offen. Niemand sagt exakt das, was man erwartet. Und genau das macht diese Produktionen lebendig.

Am Ende dieses Tages liegt dann ein großer Berg Material vor mir. Hundertfünfzig, zweihundert, manchmal zweihundertfünfzig Gigabyte Video. Unterschiedliche Lichtstimmungen, verschiedene Kamerapositionen, wechselnde Farben, wechselnde Dynamiken. Alles wartet darauf, sortiert, bewertet und in eine Reihenfolge gebracht zu werden.


Und genau hier beginnt mein innerer Konflikt.



Beim Aufbau der Timeline sehe ich das fertige Video oft schon vor mir. Nicht konkret, aber als Gefühl. Als Rhythmus. Als Dramaturgie. Ich möchte, dass jede Einstellung sitzt. Dass Übergänge funktionieren. Dass nichts aus der Stimmung fällt. Und gleichzeitig frage ich mich ständig, ob der Kunde mit meinen Entscheidungen zufrieden sein wird. Ob genau dieser Clip der richtige ist oder ob es noch einen besseren gibt.


Dann entdecke ich Dinge. Ein Clip ist minimal schief. Ein anderer hat einen leichten Farbstich. Ein dritter müsste stabilisiert werden. Und plötzlich bin ich nicht mehr im Schnitt, sondern im Optimieren. Ich verliere Zeit, weil ich Dinge behebe, die eigentlich noch gar nicht dran wären.

Eigentlich wäre der nächste Schritt klar. Erst die besten Aufnahmen auswählen. Dann die Reihenfolge festlegen. Dann schneiden. Danach Stabilisierung, Color Grading, Feinschliff. Aber mein Perfektionismus zieht mich immer wieder nach vorne. Ich will den Clip schon perfekt sehen, bevor das Video überhaupt steht.


Manchmal bedeutet das auch, dass ich mich von Material trennen muss. Ein Clip funktioniert dramaturgisch gut, lässt sich aber technisch nicht sauber stabilisieren. Also raus damit. Ein anderer ist eigentlich stark, aber minimal zu dunkel oder zu hell. Und statt weiterzugehen, bleibe ich hängen. Ich vergleiche. Ich teste. Ich zweifle.


Hinzu kommt die technische Realität der Displays. Ich arbeite mit mehreren Monitoren. Ein Stiftmonitor, ein Anzeigemonitor. Dazu kommt das Handy. Ein iPhone zeigt Kontraste anders als ein externer Bildschirm. Ein Mac-Display wirkt oft knackiger, mit stärkeren Schwarz- und Weißwerten. Auf einem anderen Display sieht dasselbe Bild plötzlich zu flau oder zu hart aus.

Also exportiere ich. Schaue mir das Video auf verschiedenen Geräten an. Passe wieder an. Kleine Schritte. Tint minimal nach links. Sättigung ein Hauch runter. Highlights um ein Zehntel verschieben. Und irgendwann ist es zwei Uhr nachts und ich bewege Regler, obwohl das Video eigentlich längst fertig ist.



Das Gleiche passiert bei Animationen. Bauchbinden, Einblendungen, Call-to-Actions, Intros und Outros. Ich weiß eigentlich, dass weniger mehr ist. Dass der Fokus auf den Inhalten liegen sollte. Auf den Bildern, den Menschen, der Stimmung. Und trotzdem überprüfe ich jedes Detail, als würde genau dort die Qualität des gesamten Films entschieden.


Dabei weiß ich rational, dass der Kunde viele dieser Dinge gar nicht wahrnimmt. Ein Clip ist oft nur eine, maximal zwei Sekunden im Bild. Kleine Unschärfen, minimale Farbabweichungen, winzige Kompositionsfehler gehen im Gesamteindruck unter. Vor allem dann, wenn Rhythmus, Musik und Schnitt funktionieren.


Natürlich gibt es Unterschiede. Wenn ein Kunde mehrere tausend Euro investiert, ist der Anspruch an das Fine Tuning höher als bei einem kleinen Eventvideo mit begrenztem Budget. Das ist völlig legitim. Aber auch dort gibt es einen Punkt, an dem zusätzlicher Aufwand keine zusätzliche Qualität mehr bringt.



Und genau diesen Punkt zu erkennen, ist für mich die eigentliche Herausforderung.

Perfektionismus fühlt sich oft an wie Professionalität. In Wahrheit ist er manchmal einfach Angst. Angst davor, etwas abzugeben. Angst davor, dass jemand einen Fehler sieht, den man selbst schon entdeckt hat. Angst davor, nicht genug getan zu haben.


Was mir hilft, ist Erfahrung. Zu wissen, wann ein Video trägt. Wann es stimmig ist. Wann der Mehrwert weiterer Optimierung gegen null geht. Und mir bewusst zu machen, dass Qualität nicht in der letzten Nachkommastelle entsteht, sondern im Gesamteindruck.


Am Ende denke ich oft: Eigentlich hätte ich mir den Stress sparen können. Das Video war schon sehr gut. Nicht perfekt, aber ehrlich, lebendig und passend zum Auftrag.


Vielleicht ist genau das der Punkt. Perfektion ist kein Ziel, sondern ein Gefühl, das sich immer weiter verschiebt. Gute Arbeit hingegen ist greifbar. Und sie entsteht dann, wenn man weiß, wann es Zeit ist, loszulassen.

 
 
 

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