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Es werde Licht...

Gedanken über Licht, Stimmung und Entwicklung in der Videoproduktion


Ein stimmungsvolles Schwarzweiß Portrait von Oliver Lange

Licht lernen heißt, Kontrolle abzugeben und sie neu aufzubauen.


Lange Zeit habe ich bei Porträts und Videos sehr stark auf natürliches Licht gesetzt. Fensterlicht, ein Reflektor und die vorhandene Umgebung haben für mich oft ausgereicht, um stimmige Bilder zu erzeugen. Dieses Vertrauen in das, was da ist, hatte etwas Beruhigendes. Man arbeitet mit dem Raum, mit der Tageszeit, mit dem Moment. Das Licht kommt, wie es kommt, und man reagiert darauf.


Und oft funktioniert das auch. Natürliches Licht ist ehrlich. Es wirkt vertraut, weich, unaufdringlich. Gerade bei Menschen erzeugt es schnell eine Nähe, die sich nicht künstlich anfühlt. Viele meiner frühen Arbeiten sind genau so entstanden. Mit wenig Technik, mit viel Beobachtung und mit dem Gefühl, dass weniger Eingriff manchmal mehr Wirkung hat.

Aber oft ist nicht immer.



Mit der Zeit sind mir die Grenzen dieses Ansatzes immer deutlicher geworden. Räume, in denen das Fensterlicht zu schwach oder zu hart ist. Deckenleuchten, die flackern, weil Frequenzen nicht zusammenpassen. Lichtquellen, die Hauttöne unvorteilhaft verfärben, ohne dass man es sofort bemerkt. Farbstiche, die sich erst in der Postproduktion zeigen und dort Zeit und Energie kosten, die man lieber anders investieren würde.


Gerade im Videobereich werden diese Probleme schnell sichtbar. Bewegung verzeiht weniger als ein einzelnes Foto. Flackern, unruhige Übergänge, inkonsistente Farben lassen sich nicht einfach wegretuschieren. Man merkt plötzlich, dass Licht nicht nur ausleuchtet, sondern erzählt. Es bestimmt, wie ruhig oder angespannt eine Szene wirkt. Wie nah oder distanziert ein Mensch erscheint. Ob eine Stimmung trägt oder kippt.



An diesem Punkt habe ich angefangen, mein Verhältnis zu Licht neu zu hinterfragen.

Gezielte Lichtsetzung bedeutet für mich nicht, Natürlichkeit zu ersetzen. Es geht nicht darum, alles künstlich zu machen oder jede Situation zu kontrollieren. Es geht darum, Optionen zu haben. Entscheidungen treffen zu können, statt sich ihnen auszuliefern. Licht bewusst zu setzen, um eine Aussage zu unterstützen, statt darauf zu hoffen, dass die Umgebung zufällig mitspielt.


Ich habe auch früher schon mit Licht gearbeitet. Vor allem bei Porträts und Interviews. Aber oft mit denselben Setups, denselben Mustern, denselben Routinen. Man weiß, was funktioniert, also bleibt man dabei. Das gibt Sicherheit. Gleichzeitig entsteht daraus schnell eine Komfortzone, in der man sich zwar bewegt, aber nicht wirklich weiterentwickelt.



Dieses Jahr fühlt sich für mich anders an. Es ist ein bewusster Schritt raus aus dieser Komfortzone. Mehr ausprobieren, mehr Fehler machen, mehr Zeit investieren, um Zusammenhänge zu verstehen. Nicht jedes Lichtsetup muss perfekt sein. Aber jedes darf etwas lehren.


Licht zu lernen heißt auch, Kontrolle abzugeben. Nicht im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern im Sinne von Offenheit. Zu akzeptieren, dass man nicht sofort weiß, wie ein Setup wirkt. Dass man manchmal erst sieht, was funktioniert, wenn man es ausprobiert. Dass Fehler Teil des Prozesses sind und keine Abkürzung daran vorbeiführt.


Gleichzeitig baut man diese Kontrolle neu auf. Nicht als starres Regelwerk, sondern als Gefühl. Man lernt, wie Licht fällt, wie es sich verhält, wie kleine Veränderungen große Wirkungen haben können. Man beginnt, Stimmungen nicht nur zu erkennen, sondern bewusst zu erzeugen. Ruhigeres Licht, härteres Licht, gerichteteres Licht. Licht, das Raum lässt oder Spannung aufbaut.

Dieses bewusste Arbeiten verändert auch den Blick auf natürliches Licht. Es verliert nicht seinen Wert, sondern gewinnt ihn zurück. Man nutzt es gezielter. Ergänzt es, statt es zu ersetzen. Unterstützt es dort, wo es nicht ausreicht. Und lässt es wirken, wo es stark genug ist.


Das Porträt, das in diesem Zusammenhang entstanden ist, steht für mich genau für diesen Weg. Es ist kein Endpunkt und kein Beweis dafür, dass ich Licht jetzt beherrsche. Es ist ein Zwischenstand. Ein Moment, in dem sich etwas neu anfühlt. In dem Entscheidungen bewusster getroffen wurden als früher. In dem nicht alles dem Zufall überlassen blieb, aber auch nicht alles kontrolliert wurde.



Vielleicht ist genau das der Kern dieses Lernprozesses. Nicht die perfekte Ausleuchtung, sondern das Verständnis dafür, warum ein Bild so wirkt, wie es wirkt. Und die Fähigkeit, diese Wirkung mitzugestalten.


Licht lernen heißt, Verantwortung zu übernehmen. Für die Stimmung. Für die Aussage. Für das Gefühl, das ein Bild transportiert. Und gleichzeitig zu akzeptieren, dass man nie fertig ist. Dass jedes neue Projekt neue Fragen stellt.


Und genau das macht diesen Weg für mich gerade so spannend.

 
 
 

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