Wenn Planung endet, beginnt Erfahrung
- Oliver Lange

- 16. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Über Flexibilität, Improvisation und Verantwortung unter Zeitdruck

Flexibilität ist keine Technik. Sie ist eine Haltung.
Viele Drehtage beginnen mit einem klaren Plan. Timings stehen fest, Abläufe sind abgestimmt, alle wissen, wann was passieren soll. Auch dieser Tag beim Kunden war genau so durchgetaktet. Ein ganzer Tag Videodreh, enge Zeitfenster, viele Programmpunkte. Alles war vorbereitet, alles hatte seinen Platz.
Und dann kam diese Frage, eher beiläufig gestellt. Ob wir im Zuge dessen nicht auch noch Mitarbeiterporträts machen könnten. Zwölf Stück. Am besten direkt vor Ort.
Solche Momente entscheiden oft darüber, wie ein Projekt weiterläuft. Nicht technisch, sondern menschlich. Ich habe zugesagt, aber nicht leichtfertig. Ich habe klar gesagt, dass ich alles mitbringe, was man dafür braucht, dass ich aber kritisch bin, was die Umsetzung angeht. Nicht, weil es unmöglich ist, sondern weil gute Porträts Zeit brauchen. Aufmerksamkeit. Ruhe. Und davon war an diesem Tag nicht viel übrig.
Am Ende haben wir es trotzdem gemacht.
Wir haben die Porträts zwischen die Programmpunkte geschoben. Schnell, aber nicht hastig. Konzentriert, aber nicht verkrampft. Zwölf Menschen, unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Erwartungen. Und trotzdem der Anspruch, einheitliche Bilder zu schaffen. Bilder mit Kontrast. Bilder, die zusammengehören.
Ich hatte nur zwei Lichter dabei. Kein großes Setup, keine perfekte Studio-Situation. Und während ich gearbeitet habe, wurde schnell klar, dass im Hintergrund noch etwas fehlt. Struktur. Tiefe. Eine visuelle Trennung, die den Bildern Halt gibt.
Improvisation beginnt genau an diesem Punkt. Nicht aus Mangel, sondern aus Beobachtung.
Der Gabelstapler stand dort, wo er immer steht. Teil des Alltags, Teil der Umgebung. Und plötzlich war er mehr als nur ein Fahrzeug. Er wurde Lichtquelle. Mittel zum Zweck. Sein Licht hat die Fässer im Hintergrund angeleuchtet und genau das erzeugt, was vorher gefehlt hat. Eine klare Struktur, ein ruhiges, industrielles Umfeld, das zu den Menschen und zum Unternehmen passt.
Es war keine geplante Idee. Aber es war eine richtige.
Solche Entscheidungen entstehen nicht aus Routine allein. Sie entstehen aus Erfahrung. Aus vielen Situationen, in denen man vor Ort ist, ohne den Raum zu kennen. Aus Momenten, in denen man ankommt und weiß, dass man funktionieren muss, egal wie die Bedingungen sind.
Das ist ein großer Teil meiner Arbeit. Ich werde oft für Events gebucht, bei denen ich vorher noch nie war. Große Veranstaltungen, Konferenzen, Podiumsdiskussionen. Orte mit viel Publikum, mit Verantwortung, mit Menschen, die wenig Zeit haben. Politikerinnen und Politiker, Vorstände, Geschäftsführer. Sie sind für den Kern der Veranstaltung da und wenn dieser vorbei ist, müssen sie weiter. Termine warten nicht.
Dann heißt es oft, wir haben jetzt noch fünf Minuten. Vielleicht auch nur drei. Können wir schnell noch ein Interview aufnehmen.
In diesen Momenten gibt es keine langen Überlegungen. Ich suche einen Ort, der funktioniert. Baue die Kamera auf, stelle Licht und Ton ein, während gesprochen wird. Ich höre zu, während ich arbeite. Ich entscheide schnell, aber nicht unüberlegt. Flexibilität bedeutet hier nicht Hektik, sondern Klarheit.
Natürlich passt nicht immer alles perfekt. Manchmal ist der Hintergrund unruhig. Manchmal ist das Licht schwierig. Manchmal ist der Ton nicht ideal. Aber genau dann zeigt sich, wie viel Spielraum man hat. Technisch, kreativ und im Kopf.
Ich weiß, was ich vor Ort lösen kann und was später. Moderne Technik und KI geben mir heute Möglichkeiten, Dinge zu verbessern, die früher ein Ausschlusskriterium gewesen wären. Ein störendes Geräusch, ein ungünstiger Farbstich, kleine Unsauberkeiten. Das ersetzt keine saubere Arbeit, aber es erweitert den Handlungsspielraum.
Wichtig ist, dass am Ende das Ergebnis stimmt. Nicht nur technisch, sondern auch in der Wirkung. Dass sich Menschen wiedererkennen. Dass das Unternehmen sich repräsentiert fühlt. Dass Bilder und Videos Vertrauen schaffen.
Genau das schätzen meine Kunden. Nicht, dass alles immer perfekt geplant ist, sondern dass es am Ende passt. Dass ich mitdenke. Dass ich Lösungen finde, auch wenn der Plan sich ändert. Dass ich improvisieren kann, ohne dass es improvisiert aussieht.
Der Drehtag mit den Mitarbeiterporträts ist dafür ein gutes Beispiel. Er war nicht ideal geplant, aber gut umgesetzt. Die Bilder sind einheitlich geworden. Ruhig. Klar. Mit Charakter. Und sie sind unter Bedingungen entstanden, die eigentlich dagegen gesprochen hätten.
Flexibilität bedeutet für mich, offen zu bleiben. Den Raum zu lesen. Möglichkeiten zu sehen, wo andere Grenzen sehen. Und Verantwortung zu übernehmen für das Ergebnis, unabhängig davon, wie die Ausgangslage ist.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst in meiner Arbeit. Nicht das perfekte Setup, sondern die Fähigkeit, mit dem zu arbeiten, was da ist. Und daraus etwas zu machen, das trägt.







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